vhs Köln: Cybermobbing – Das Experiment

von Katharina Reinhold

Peinliche Bilder von der Mitschülerin in WhatsApp-Gruppen posten, dem Exfreund übel nachreden oder über den Neuen wegen seines Styles auf Snapchat lästern – all dies ist Alltag bei vielen Jugendlichen. Die Volkshochschule Köln veranstaltete einen Nachmittagsworkshop zur Sensibilisierung und Reflexion darüber, was Cybermobbing eigentlich ist, was es mit Opfern und Täter*innen macht und was man dagegen tun kann.

Quelle: Pixabay

Viele Jugendliche haben schon Formen von Mobbing in sozialen Netzwerken oder Messenger-Apps erlebt – ob als Opfer oder Täter*in, als Mitläufer*in oder als Außenstehende*r. Dies wurde während des Workshops am 19. April 2018 im FORUM Volkshochschule in Köln deutlich. Doch im Alltag ist den Beteiligten oft gar nicht klar, wie rasch es zu Ausgrenzung kommen kann – und „was meine Worte oder Taten so im Kopf von jemandem bewegen“, so eine Schülerin im Workshop.

 

Warum dieser Workshop?

Aktuelle Studien zeigen, dass Selbst- und Fremdwahrnehmung betroffener Kinder und Jugendlicher in Bezug auf Ausgrenzung und Mobbing stark abweichen. Entsprechendes Fehlverhalten wird recht schnell bei Anderen wahrgenommen, jedoch nicht bei sich selbst. Oftmals sind sich Täter*innen keiner Schuld bewusst. Die Opfer fühlen sich hilflos ausgeliefert. Ziel des Workshops war es, diese Muster anhand von eigenen Erfahrungen und Beobachtungen zu thematisieren und gemeinsam zu analysieren. Ein Hineindenken, ein Perspektivwechsel und eine gemeinsame Reflexion sollten den Weg zu Empathie und Verständnis für Andere öffnen und so das Risiko für Mobbing senken. Dabei ging es auch um Ansätze von Empowerment, mit entsprechenden Situationen so gut wie möglich umzugehen.

 

Wer war dabei?

Die 21 Teilnehmer*innen zwischen 12 und 15 Jahren kamen aus unterschiedlichen Schulen und Schulformen in Köln. Teils hatten sie sich eigenständig angemeldet, teils kamen sie über einen Kölner Verein, der Nachmittagsangebote für Jugendliche anbietet. Eine Trainerin und die Leiterin des Fachbereichs Politische Bildung der vhs Köln, Homaira Mansury, waren begleitend dabei.

 

Wie lief der Workshop ab?

Zu Beginn lernten sich alle Teilnehmenden mittels interaktiver Methoden in einer Sitzrunde auf dem Boden und stehend auf Skalen, in kurzen Gesprächseinheiten und weiteren Aktionen kennen. Die Trainerin gab kurze Inputs zu Mobbing, Cybermobbing sowie zu sozialen und psychologischen Grundlagen und entwickelte Begriffsdefinitionen mit den Jugendlichen. So konnte eine gute Ausgangssituation für den Workshop geschaffen werden.

Es folgte eine Reflexion über die eigene Nutzung und Abhängigkeit vom Smartphone, bei der die Geräte in entsprechend beschriftete Kartons sortiert wurden (A: „Ich brauche mein Handy nicht wirklich“, B: „Wenn ich mein Handy mal zuhause vergesse, kehre ich nicht um“, C: „Ohne mein Handy kann ich keine einzige Stunde verbringen“), in denen sie dann auch verblieben – mit dem erwünschten Nebeneffekt, dass anschließend konzentrierter weitergearbeitet werden konnte. Viele Jugendliche zeigten sich in der Gesprächsrunde sehr offen und gaben, oft verlegen, zu, dass das Handy für sie wie eine „Lifeline ist, ohne die ich nicht irgendwo rumsitzen will, ohne was in den Händen zu haben oder draufzugucken.“

Auf einer Bodenskala positionierten sich die Jugendlichen zu Fragen bezüglich ihrer Mediennutzung und Grenzen des Erträglichen, zum Beispiel: „Ist es dir angenehm, wenn jemand ein Foto von dir über einen Verteiler an viele Leute sendet, ohne dass du zugestimmt hast?“ oder „Würdest du das Foto eines Mitschülers ohne Absprache über einen Verteiler posten?“. Auch eigene Stärken und Schwächen wurden thematisiert. Dabei – wie während des gesamten Workshops – war die sensible und enge Begleitung durch die Trainerin wichtig, um Verletzungen zu vermeiden und die Gefühlsebene in Balance zu halten.

Die Jugendlichen tauschten sich anschließend über eigene oder beobachtete Mobbing-Erfahrungen aus. Rollenspiele, Inputs zu Verhalten bei Ausgrenzung und Diskriminierung sowie Empowerment waren weitere wichtige Elemente, zu denen die Anwesenden auch immer wieder um Statements, Beispiele aus dem eigenen Leben oder aus dem Umfeld und um Stärkungssignale innerhalb der Gruppe ermutigt wurden. So sagte eine Schülerin während eines Austauschs zu Cybermobbing: „Es ist total schwer, mich zu wehren, wenn niemand da ist, den ich angreifen kann, weil ich ja niemanden sehe, der mir gegenübersteht und mir Schlimmes antut, wenn er komische Fotos von mir rumschickt.“ Es wurde deutlich, dass das Täter-Opfer-Schema viel schneller (und vor allem unbewusst) zum Einsatz kommt als gedacht – und dass es gar nicht so einfach ist, sich immer richtig zu verhalten.

 

Welche Erkenntnisse brachte der Workshop?

Dass Ausgrenzung und Diskriminierung sehr schmerzhafte und auch unnötige Erfahrungen sind und dass Zusammenhalt eine nahezu heilende Wirkung in den Köpfen und für das Selbstbewusstsein der Individuen haben kann, wurde als roter Faden in der Diskussion während des Workshops deutlich.

Am Ende des Workshops stand eine gemeinsame Auswertung, bei der alle Beteiligten Feedback geben konnten. Die meisten Teilnehmer*innen äußerten sich sehr positiv über den Workshop. Viele hatten sich in simulierten Situationen als „Täter“ oder „Opfer“ wiedergefunden und bekräftigten, durch die simulierten Perspektivwechsel nun aufmerksamer zu sein.

 

Welches Fazit zogen die Beteiligten?

„Im Laufe des Nachmittags wurde den Teilnehmer*innen deutlich, wie schnell eine Gruppendynamik im negativen Sinne entstehen kann. Sie diskutierten, wie einfach Marginalisierung anhand unbedeutender Dinge stattfinden kann, wie rasch sich Personen gegenseitig hochschaukeln können zu einer unheiligen Allianz gegen eine ausgewählte Person oder Personengruppe“, resümiert Projektleiterin Homaira Mansury. Sowohl die Jugendlichen als auch einige anwesende Jugendhelfer wünschten sich eine Vertiefung und Fortführung des Workshops. Ein anwesender Jugendhelfer betonte, der Bedarf sei groß: „Je mehr man junge Menschen sowohl für die Täter- als auch die Opferrolle sensibilisiert, umso besser werden sie gerüstet sein, für andere einzustehen oder sich Hilfe zu suchen, wo sie sonst vielleicht keine erfahren. Ideal wäre, Ausgrenzung und Diskriminierung von Anfang an zu vermeiden.


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