VHS Main-Kinzig: Gedenken barrierefrei?

von Katharina Reinhold

Die Volkshochschule der Bildungspartner Main-Kinzig GmbH (BiP-VHS) erarbeitet ein Konzept zum barrierefreien Zugang zu Einzelschicksalen im Zusammenhang mit Krieg und Gewaltherrschaft. Es soll eine barrierefreie und teilweise interaktive Lernstation und eine dazugehörige Handreichung entstehen, die bis zu zehn Einzelschicksale in einfacher Sprache, mit Audio-Guide, in Braille Schrift und mit Audiodeskription darstellen.

Lernstation im Bildungshaus Main-Kinzig © Alexander Wicker

Einzelschicksale

Der Landesverband Hessen im Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge entwickelte eine „Lernstation Kriegsgräberstätte“, eine kompakte Ausstellungswand, die im Bildungshaus Main-Kinzig ausgestellt ist. Dort werden acht Einzelschicksale von Menschen vorgestellt, die zur Zeit der nationalsozialistischen Zwangsherrschaft starben und die in Kriegsgräbern begraben liegen. Zwei weitere Schicksale von identifizierten „Euthanasie“-Opfern sollen noch recherchiert werden. Die Lernstation soll weiterentwickelt und barrierefrei möglichst vielen Menschen zugänglich gemacht werden.

Zusammensetzung der Projektgruppe

Zunächst war geplant, das Konzept für die barrierefreie Lernstation in einer inklusiven Projektgruppe gemeinsam zu erarbeiten, dies gelang jedoch nicht. Stattdessen arbeiteten neben Projektleiter Alexander Wicker (VHS) und Judith Sucher (Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Landesverband Hessen) Studierende der Sonderpädagogik im Projektteam mit. Mit dem Kooperationspartner Behindertenwerk Main-Kinzig e.V. wurde vereinbart, dass nach Erstellung des Konzepts für die barrierefreie Lernstation dieses dem Werkstattrat des Behindertenwerks zur Prüfung vorgelegt wird. So wird die Zielgruppe aktiv einbezogen und kann mitwirken und ggf. korrigierend eingreifen.

Erkundungsreise zu Gedenkorten

Ende August/ Anfang September 2015 fand eine Erkundungsreise zu ausgewählten Gedenkstätten und Museen in Erfurt, Weimar und Berlin statt. Die Teilnehmenden besuchten insgesamt zwölf Gedenk- und Erinnerungsorte. Dort fanden persönliche Gespräche mit Museumsmitarbeitenden oder -leitenden anhand eines vorab entwickelten Leitfadens zum Thema Barrierefreiheit statt. Neben den Gesprächen wurden auch die Ausstellungen besucht, um einen persönlichen Eindruck von der Aufbereitung der Inhalte und den Aktivitäten der Gedenkstätte auf dem Feld der Barrierefreiheit zu gewinnen.

Die Mitglieder der Projektgruppe besuchten folgende Gedenk- und Erinnerungsorte:
- Weimar: KZ-Gedenkstätte Buchenwald
- Erfurt: Erinnerungsort Topf&Söhne; Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße 37a
- Berlin: Topographie des Terrors; Mahnmal für die ermordeten Juden Europas; Mahnmal Aktion „T4“; Gedenkstätte Stille Helden; Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt; Gedenkstätte Deutscher Widerstand; Haus der Wannseekonferenz; Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst; Anne-Frank-Zentrum

Erkenntnisse über barrierefreie Ansätze der Gedenkorte

Projektleiter Alexander Wicker resümiert: „Die Reise kann als sehr ertragreich angesehen werden. Wir bekamen einen guten Eindruck von den Bemühungen der Einrichtungen um die Barrierefreiheit, die naturgemäß unterschiedlich weit entwickelt ist“. Es wurde deutlich, dass die baulichen Maßnahmen wie etwa Rampen für Rollstuhlfahrer/-innen, Aufzüge, breite Türen etc. durchweg gut umgesetzt worden sind, zum Teil mit sehr kreativen Lösungen bei baulich schwierigen Situationen. Dieser Bereich ist jedoch auch am stärksten durch Regularien und Gesetze vorgeschrieben.

Die Ansätze, die musealen Inhalte barrierefrei zugänglich zu machen, seien sehr unterschiedlich bzw. unterschiedlich weit fortgeschritten, so Wicker. Dies scheine im Wesentlichen davon abzuhängen, ob sich entweder ein inhaltlicher Bezug zwischen thematischer Ausrichtung der Einrichtung und Barrierefreiheit herstellen lässt (etwa beim Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt oder beim Mahnmal „Aktion T4“) oder ob es Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Einrichtung gibt, die sich für das Thema stark machen. Viele Einrichtungen bieten Informationen in Leichter oder Einfacher Sprache an. Einige gehen besondere Wege; die Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße in Erfurt etwa hat viele Inhalte und Materialien in gezeichneten Bildergeschichten aufbereitet. Andere Erinnerungsorte bieten Führungen oder Projekte gemeinsam mit Förderschulen oder anderen Behinderteneinrichtungen an. Den umfassendsten Ansatz finde man beim Mahnmal „Aktion T4“, das sich mit den „Euthanasie“-Verbrechen im Nationalsozialismus befasst.

Workshops zur Konzeption der Lernstation und zu Leichter/Einfacher Sprache

Im Dezember 2015 fanden zwei Workshops der Projektgruppe statt. Im ersten Workshop wurden die Ergebnisse der Bildungsreise resümiert, Literaturrecherchen ausgewertet und der Zeitplan sowie die Zielsetzung des Projekts erarbeitet. Beim zweiten Workshop stand das Thema Barrierefreiheit und die Schaffung von Zugängen für unterschiedlichste Zielgruppen im Mittelpunkt. Zwei Referentinnen des Büros Capito, Expertinnen für Barrierefreiheit und Leichte und Einfache Sprache, gaben inhaltliche Inputs und leiteten einen Praxisteil an, bei dem die Teilnehmenden selbst Texte in Leichte Sprache übersetzten.

Perspektiven

Das Projekt ist noch nicht abgeschlossen, es wurde und wird nach dem Förderzeitraum fortgeführt und Anschlussförderungen werden beantragt. Projektleiter Alexander Wicker zieht ein positives (Zwischen-)Fazit: „Wir haben einen guten Einblick in die praktischen Umsetzungsmöglichkeiten, aber auch die Beschränkungen von Barrierefreiheit bekommen, die sich unmittelbar auf die Umsetzung der Lernstation betreffend auswirken. Am bedauerlichsten ist sicher das Nicht-Zustandekommen einer inklusiven Workshopgruppe zu nennen. Hier glauben wir jedoch, [durch die Einbeziehung des Werkstattrates] einen wirksamen Weg gefunden zu haben, die Zielgruppe miteinzubinden.“

Weitere inklusive Angebote der BiP-vhs Main-Kinzig

Seit vielen Jahren bietet der Bildungsträger ein Programm namens „Bildung inklusive“ an, bei dem ursprünglich angedacht war, dass Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam teilnehmen können. „Es hat sich jedoch eher als exklusives Angebot herausgestellt, weil sich ausschließlich Menschen mit Behinderungen dazu anmelden. In dieser Form läuft es weiter und bietet vor allem Koch-, EDV- und Sprachkurse. Der Bedarf wird regelmäßig mit den großen Behinderteneinrichtungen der Region abgestimmt“, sagt Alexander Wicker. „Darüber hinaus bemühen wir uns seit kurzem um ‚Bildungsbegleiter*innen‘, die als Paten gemeinsam mit Menschen mit Behinderungen alle Kurse des Regelprogramms besuchen können und ggf. im Tandem Schwierigkeiten gemeinsam auffangen helfen. So wollen wir uns letztlich zu einer inklusiven Volkshochschule entwickeln, deren Motto ‚Bildung für alle‘ wörtlich zu verstehen ist.“

› Einen ausführlichen Artikel über das Inklusions-Projekt finden Sie hier.

Deutscher Volkshochschul-Verband
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