Das Beispiel Lengerich: 50 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen

Ein besonderes Datum der deutschen Einwanderungsgesellschaft, den 50. Jahrestag des Anwerbeabkommens mit der Türkei, nahm die VHS Lengerich 2011 zum Anlass, ein besonderes Projekt durchzuführen. In einer aufwändigen, mehrere Monate laufenden Kooperation mit Studierenden der Fachhochschule Münster (Seminar „Interkulturelle Kompetenzen“) und verschiedenen Schulen der Stadt Lengerich im Kreis Steinfurt/NRW wurde Einwanderungsgeschichte von Jugendlichen – davon vielen aus Familien mit Migrationserfahrung – in lebendiger, selbsttätiger Form aufgearbeitet und für die kommunale Öffentlichkeit transparent gemacht.

1961 schloss die Bundesrepublik Deutschland mit der Türkei einen Vertrag, der deutschen Firmen erlaubte, türkische Mitarbeiter anzuwerben. In Lengerich nutzen viele Firmen dieses Angebot, es zogen viele türkische Arbeiter in diese Region und fanden bei ortsansässigen Firmen eine Stelle. Mit welchen Ereignissen, Erlebnissen, Schwierigkeiten und Umbrüchen diese Zuwanderung einherging, war eine Fragestellung, die Lengericher Jugendgruppen bearbeiteten.

„Im Fokus standen die Ereignisse in und für Lengerich, erforscht wurde erlebte Geschichte, auch aus der eigenen Familie. Fazit und Ziel sollte es sein, die Bedeutung für die Zeit sowohl aus politischer als auch aus kultureller Perspektive zu diskutieren“, erklärt Angelika Weide, die zuständige VHS-Mitarbeiterin, die Zielsetzung des Projekts. Es sollte geklärt werden, welche Bedeutung das zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei geschlossene Anwerbeabkommen für Lengerich aus wirtschafts- und regionalhistorischer Sicht besaß.

Es war ein Leitgedanke des Lernprozesses, Momente der deutschen Sozialgeschichte anhand von tatsächlich Erlebtem vor Ort, im nahen Umfeld von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen aufzuarbeiten. Ein wichtiges Element stellten dabei Zeitzeugeninterviews dar. Hier standen zahlreiche Gesprächspartner von Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite, Firmengründer türkischer Nationalität, Vertreter der Politik, der Kirchen oder der Bildungsarbeit zur Verfügung.

Einmalig am Projekt war die Art der Umsetzung. „Das Besondere war die Kooperation mit der Fachhochschule  Münster", erläutert Angelika Weide, „denn dort suchte ein Seminar, speziell mit der Ausrichtung bzw. Zielsetzung der interkulturellen Kompetenz die Praxiserfahrung.“ Unter Anleitung der Professorin Dr. Anette Rohmann erarbeiteten die Studierenden aus dem Bereich Sozialwesen die inhaltliche, didaktische und methodische Umsetzung des Themas. 24 Studierende konzipierten zielgruppengerechte Bildungsangebote für die Kinder und Jugendlichen. Die VHS Lengerich koordinierte die Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Schulen und sprach Gesprächs- und Kooperationspartner aus Politik, Schule, Kirche und Gesellschaft an.

In der Praxisphase setzten die Studierenden die im Seminar entworfenen Bildungskonzepte dann gemeinsam mit ausgebildeten Pädagogen um. Die Kooperation erwies sich als Gewinn für alle Beteiligten: für die beteiligten Bildungseinrichtungen, für die Studierenden und insbesondere für die Kinder und Jugendlichen, denen ein besonderes Bildungsangebot gemacht wurde. Durch die altersmäßige Nähe zwischen den Studierenden und den Teilnehmenden wurde hier mit einer Form gemeinsamen Lernens experimentiert, die sich in der Praxis gut bewährte.

Die kreativen und innovativen Methoden der außerschulischen Bildung kamen bei den Jungen und Mädchen sehr gut an. Das Lernen fand nicht im Klassenraum, sondern draußen „im Feld“ statt. Mit Kameras ausgestattet streiften Jugendliche durch Lengerich und fotografierten gemäß Auftrag alle typischen Eigenheiten und Gegensätze, die sie mit der Türkei und Deutschland verbinden. Herausgekommen sind Bildkollagen, die noch während der Zusammenstellung für rege Diskussion sorgten, „aber auch Vorurteile ansprachen und Gott sei Dank abbauten“, erklärt einer der Münsteraner Studenten. Er hatte gemeinsam mit seinen Kommilitonen das Projekt mit geplant und umgesetzt. Und er ergänzt: „Diesen Bogen zu spannen war nicht immer leicht, eine Sensibilisierung für das Thema haben wir aber unbedingt geschafft“.

Andere Jugendliche führten Interviews mit türkeistämmigen Lengerichern der ersten, zweiten und dritten Generation sowie mit Experten zum Thema mit und ohne Migrationshintergrund. Zusätzlich besuchten sie die Moschee, befragten dort weitere Personen und dokumentierten alles mit ihrer Kamera. So entstand ein Film, der bei der Abschlussveranstaltung des Projekts gezeigt wurde. Eine letzte Gruppe setzte das Thema musikalisch um. Aus der Integration der Einzelideen entstand ein „Musical Dance“ zur Thematik „Ausgrenzung – Eingliederung“ und ein Rapsong mit selbst geschriebenem Text, der in einem professionellen Tonstudio aufgenommen wurde.

Eingebettet waren die kreativen Methoden jeweils in Arbeitsphasen, in denen über das Anwerbeabkommen und über die Themen Stereotype und Diskriminierung gesprochen wurde. Es war eine neuartige Erfahrung für die jungen Leute, sich über Konflikte und Vorurteile, wie sie sich aus unterschiedlichen nationalen und kulturellen Hintergründen ergeben, auszutauschen. Für viele ergab sich hier zum ersten Mal die Möglichkeit, offen solche Probleme anzusprechen und nach einer angemessenen Lösung zu suchen. Klischees zum Thema „typisch türkisch“ und „typisch deutsch“ wurden aufgegriffen und mit großer Offenheit diskutiert.

Die Ergebnisse wurden schließlich im Rahmen des „Interkulturellen Tags“ am 24. September 2011 der Lengericher Öffentlichkeit präsentiert. Die Präsentationsformen waren so vielfältig, wie sie sich aus dem jeweiligen Lern- und Diskussionsprozess der Gruppen ergeben hatten: Foto, Collage, Graffiti, Film, Tanz, Musik und vieles mehr waren geboten. Das Programm wurde auf einer selbst gestalteten Bühne, die das Thema „Anwerbeabkommen“ aufgriff und umsetzte, präsentiert.

All das war Ergebnis eines selbstbestimmten Lernprozesses, der von vornherein auf die Interessen und Kompetenzen der jungen Leute einging und an ihren lokalen Erfahrungshintergrund anknüpfte. Das „Gastarbeiter“-Thema wurde so in seiner Bedeutung für das unmittelbare Umfeld der Teilnehmenden, für die Industrieregion Lengerich, für Politik, Kultur, Religion und Stadtentwicklung bearbeitet. Lengerich präsentierte sich aus der Perspektive der jungen Leute als eine Region, aus der die Zuwanderung aus der Türkei und aus anderen Ländern nicht mehr wegzudenken ist.

Deutscher Volkshochschul-Verband
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