NS-Geschichte in der Einwanderungsgesellschaft

Wie erinnern wir heute an den Nationalsozialismus und an den Holocaust? Was bedeutet es für die Bildungsarbeit zur NS-Zeit, dass wir in einer Einwanderungsgesellschaft leben? Und wie lassen sich Verknüpfungen zwischen der Vergangenheit und aktuellen Themen der Diskriminierung finden?

Unter diesen Fragestellungen entwarf die Volkshochschule Aachen in Kooperation mit der Zentralstelle für politische Jugendbildung im Deutschen Volkshochschul-Verband 2008 besondere Projekte zur NS-Geschichte. Es ging darum, die Chancen für Ansätze auszuloten, die gerade auch die Blickwinkel von jungen Menschen mit Migrationshintergrund auf die Geschichte 1933 bis 1945 ernstnehmen, aufgreifen und im Bildungsprozess verarbeiten.

Dass die Blickwinkel der Jugendlichen mit Migrationshintergrund gerade im Bereich der Bildungsarbeit zur NS-Geschichte besondere Lernprozesse anstoßen, beweisen die Veranstaltungen an der VHS Aachen. Durch eine direkte Verbindung von Erfahrungen mit Diskriminierung, Ausgrenzung und Gewalt gegen einzelne Bevölkerungsgruppen mit der historischen Betrachtung finden die Jugendlichen einen leichten Zugang zum Thema. Die Geschichte steht nicht für sich, sondern wird in direkten Bezug zur eigenen Lebenswelt gesetzt.

"Das interessiert die Jugendlichen enorm, wenn das Thema in einen aktuellen Kontext gestellt wird", so berichtet Dr. Nicole Ehlers, die das Projekt an der Aachener Volkshochschule koordinierte. "Gerade die Verknüpfung historischer und aktueller Argumentationsmuster des Rechtsextremismus machen es für die Teilnehmenden leichter, sich mit dem Thema 'NS-Zeit' zu beschäftigen - unabhängig ob mit Migrations- oder deutschem Hintergrund."

In drei Projekten wurde dieser Ansatz zur historisch-politischen Jugendbildung erprobt.  Die Jugendlichen setzten sich mit den Ausschreitungen in der Pogromnacht am 9. November 1938 in Aachen auseinander, bereiteten Veranstaltungen zum Holocaustgedenktag im Januar 2009 vor und verlegten "Stolpersteine" zum Gedenken an ermordete Aachener Bürgerinnen und Bürger. Mit Hilfe des in der VHS-Landschaft entwickelten "Argumentationstrainings gegen rechte Parolen" setzten sich die Jugendlichen zudem mit den Thesen des Nazismus und Antisemitismus auseinander und lernten, diese mit Fakten zu widerlegen. "Gerade solche Methoden eignen sich als sinnvoller und effektiver Zugang zum Thema NS-Zeit", folgerten die Projektverantwortlichen der VHS Aachen.

Parallel zu diesen Jugendveranstaltungen lief ein Workshop, in dem Pädagoginnen und Pädagogen in die Arbeitsweise der VHS Aachen eingeführt wurden. Hier wurde deutlich, dass in der praktischen Bildungsarbeit mit jungen Menschen nicht nur Rassismus und Rechtsextremismus ein Thema sind, für das eine besondere Sensibilisierung notwendig ist. Auch Antisemitismus bei Jugendlichen aus muslimischen Kulturräumen ist ein Phänomen, auf das Teamerinnen und Teamer in der Jugendbildung angemessen reagieren müssen. So wird in Workshops und Projekten zum Holocaust von den jungen Menschen nicht selten eine Verknüpfung zum heutigen Nahostkonflikt hergestellt. Gerade in Gruppen mit islamisch-arabischem Hintergrund werden hier immer wieder Fragen berührt, in denen eventuell gegensätzliche Positionen zu aktuellen weltpolitischen Konflikten aufeinanderstoßen.

Bei der Diskussion des heutigen Antisemitismus stößt man somit in sensible und emotional hoch aufgeladene Bereiche. Wie moderiert man als Kursleiter Diskussionen zu diesen Themen, wo schreitet man gegebenenfalls ein? Wie bezieht man Stellung zu antisemitischen Einstellungen, wie sie in solchen Veranstaltungen immer wieder vorgetragen werden? Solche Herausforderungen sind Teil der Bildungspraxis - und Kursleitende müssen auf diese vorbereitet sein.

Deutscher Volkshochschul-Verband
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