EU-Sondergipfel in der Volkshochschule Aachen

Jugendliche verhandeln in Planspiel europäische Flüchtlingspolitik


Es ist noch nicht lange her, seitdem sich viele Menschen aus armen, kriegsgebeutelten Regionen der Erde auf den Weg nach Europa machten. Keineswegs alle Flüchtlinge schafften und schaffen es, sicher an ihr Ziel zu kommen. In den Aufnahmegesellschaften Europas selbst und in deren politischen Vertretungen gibt es indes Uneinigkeit, wie mit der Fluchtthematik zu verfahren sei. In einigen europäischen Ländern haben sich in Teilen der Bevölkerung und auf politischer Ebene massive Vorbehalte gegenüber Flüchtlingen entwickelt, während andere wiederum um einen Ausgleich zwischen den Interessen des eigenen Landes, denen der EU und denen der flüchtenden Menschen ringen.

Viele dieser Konflikte wurden und werden beispielsweise innerhalb des Europäischen Rats und im EU-Parlament intensiv und äußerst kontrovers debattiert. Hier müssen nationale und europäische Interessen verhandelt werden. Denn auch, wenn die wenigsten Länder nationale Zuständigkeiten abtreten wollen: Die Thematik "Flucht und Migration" ist zweifelsohne auch eine europäische Angelegenheit.

Jugendliche schlüpfen in die Rolle von Vertretern der EU-Länder

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Die Verhandlungen auf europäischer Ebene sind zwar sehr wichtig, aber mitunter gerade jungen Menschen nicht immer leicht zugänglich. Daher hat das Referat für Politische Jugendbildung des Deutschen Volkshochschul-Verbandes gemeinsam mit dem Planspielverein CRISP e. V. das Planspiel "Flucht und Migration in Europa" entwickelt, welches 2017 erstmals eingesetzt wird. Bei dem Planspiel erarbeiten Jugendliche die unterschiedlichen Positionen innerhalb der EU und suchen gemeinsam nach Lösungsstrategien. Das Planspiel thematisiert einen EU-Sondergipfel, der sich u.a. mit der Verteilung von Zugewanderten auf die EU-Länder befasst. Dabei schlüpfen die Jugendlichen in die Rolle von (fiktiven) Vertreterinnen und Vertreter einzelner EU-Länder, der EU-Kommission, von Nichtregierungsorganisationen und Transitländern. Ziel ist es, einstimmig eine Resolution zu verabschieden, die von allen EU-Staaten geteilt wird.

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Die Volkshochschule Aachen war eine der ersten Volkshochschulen in Deutschland, die das Planspiel durchgeführt hat. Schülerinnen und Schüler der Kurse für den zweiten Bildungsweg, einige selbst mit Migrationshintergrund, wurden für mehrere Stunden zu wichtigen politischen Akteuren - eine ungewohnte, neue Rolle. Doch rasch hatten sich die jungen Leute in die entsprechenden Rollenprofile eingelesen und stiegen in die Verhandlungen ein. Unterstützt durch eine Moderation mussten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Mehrheiten für ihre Positionen beschaffen. Die Herausforderung bestand nicht zuletzt darin, dass nicht die persönlichen Haltungen der Jugendlichen ausschlaggebend für die Verhandlungen sind, sondern die Auffassungen der (fiktiven) Person, deren Rolle sie für das Spiel eingenommen haben. So trafen nicht Stefan, Murat oder Alina aufeinander, sondern der Bundeskanzler Österreichs, die Präsidentin der EU-Kommission und die Premierministerin Italiens. Das war nicht immer ganz einfach, denn natürlich haben viele eine Haltung zu den Entwicklungen in der Flüchtlingspolitik.

Schwierige Verhandlungen und Ringen um Mehrheiten

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Wie auch in der Realität erwiesen sich die Debatten um Grenzschutz, Integrationsmöglichkeiten oder Abschiebung mitunter als langwierig - es wurde engagiert verhandelt, eingehend erläutert und kontrovers diskutiert. Den Teilnehmenden bereitete es große Freude, Unterstützung für die eigene Position in Form von Unterschriften zu sammeln und die komplexen EU-Prozesse besser kennenzulernen.

Etwas überrascht fiel hingegen die Reaktion der jungen Leute aus, als der EU-Sondergipfel scheiterte. Damit hatte keiner so wirklich gerechnet. Doch die Gruppe konnte sich nicht geschlossen auf eine Resolution einigen und musste damit eine Erfahrung kennenlernen, die "echte" Politikerinnen und Politiker nahezu täglich sammeln: Nicht immer lassen sich politische Mehrheiten für ein Vorhaben erzielen. Dies hat zur Konsequenz, dass Verhandlungen vertagt oder abgebrochen werden. So auch dieser EU-Sondergipfel. Diese neue Erfahrung schmälerte jedoch nicht den Lerneffekt für die Jugendlichen. Denn zur Demokratie gehört eben auch, dass nicht immer alle Interessen durchgesetzt werden können.

Entsprechend resümierte die Kursleiterin und Weiterbildungslehrerin der Volkshochschule Aachen, Claudia Franken: "Inwiefern der nächste EU-Sondergipfel an einer Volkshochschule erfolgreich verläuft, werden die kommenden Planspiele zeigen."

Förderung für Umsetzung des Planspiels an Volkshochschulen

Das Planspiel kann von Volkshochschulen in der Politischen Jugendbildung eingesetzt und aus Mitteln des Kinder- und Jugendplans des Bundes (KJP) gefördert werden. Haben Sie Interesse, das Planspiel an Ihrer VHS umzusetzen? Wenden Sie sich gerne an das Team des Referats für Politische Jugendbildung – wir beraten Sie gerne!

Deutscher Volkshochschul-Verband
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